|
|
| |
Ein Neujahr in Kenya
oder "Kinder, Krankenhaus, Krawalle"
|
| |
Am Morgen des 25.12.07 ließen wir Tannenbaum, bunte Teller und Gänsebratenreste einfach stehen und reisten über Frankfurt und Kairo nach Nairobi.
Was wir dort als Erstes erblickten, war nicht der Übermüdung unserer Augen geschuldet, sondern stand wirklich da: ein Weihnachtsbaum!!
Auch unser Hotel in Nairobi verfügte über einen. Und die Plakate auf den Straßen zeigten, wenn es nicht Wahlkampfmotive waren, meistens auch dicke weißbärtige Männer in roten Kapuzenmänteln, die für irgendetwas warben...
Als wir tags drauf zu unserer kleinen Safari Richtung Maasai Mara fuhren, war ein ausgesprochen friedlicher Eindruck vorherrschend: am arbeitsfreien Wahltag waren die meisten Menschen in einem gewissen Sonntagsstaat unterwegs und vor den Wahllokalen konnte man die Menschen diszipliniert und geduldig in oft viele hundert Meter langen Schlangen auf die Abgabe ihres Wahlvotums warten sehen - ganze Dörfer schienen geschlossen zur Urne gepilgert zu sein.
|

Nicht nur Urlaub, sondern eine ganze Menge
neue Eindrücke
und ungewohnte Arbeit erwarteten mich in Kenya
|
| |
Soweit man es beurteilen konnte, schienen auch in der Safarilodge die Anhänger der verschiedenen Parteien friedlich und sogar humorvoll miteinander umzugehen.
Als aber weder am 2. noch am 3. noch am 4.Tag das Ergebnis bekanntgegeben wurde, machte sich erste Spannung breit.
Am 30.12. reisten wir nach Mombasa weiter. Anfangs beschäftigte uns mehr das im Vergleich zum Hochland viel feuchtheißere Klima als Matanos Hinweise, wie leer es auf den Straßen in Mombasa sei, aber wie viel Polizei unterwegs sei. In Diani angekommen, waren nicht nur die Inhaber des Colliers Centers, wo wir wohnen würden, fortgereist, sondern sogar die Touristenläden in Diani machten alle zu. Am nächsten Tag fanden wir noch einen Supermarkt, wo durch das heruntergelassene Rolladengitter noch einzelne Waren per Hand herausgereicht und verkauft wurden. Matano berichtet von Brandstiftungen und Plünderungen in Ukunda, während ich von ihm ein bisschen Kiswahili zu lernen versuche. Der Zorn der Bevölkerung über das offensichtlich grob verzerrte Wahlergebnis sei groß.
Die Geldautomaten aller Banken sind geleert, auch wir finden nur mit Mühe und Not noch etwas Obst zu kaufen und schicken Matano abends lieber mit dem Auto statt den unsicher gewordenen Matatus heim.
Zum Silvesterabend soll sonst immer halb Ukunda zur "Beach" pilgern und viel Remmidemmi los sein - diesmal ist alles leer, kaum ein Auto fährt und nur ein Hotel am Strand macht etwas Feuerwerk.
Auch am Neujahrstag sind die Nachrichten unschön, aber mich wundert und beeindruckt (im Vgl. zur bundesdeutschen Politikverdrossenheit) wie informiert und engagiert sich hier der "einfache Mann auf der Straße" zur Wahl äußert.
In der Nacht gab´s in Ukunda wieder Schüsse, am Morgen auf dem Weg zum Krankenhaus in Kwale kommen wir an geplünderten Läden und auf der Straße abgebrannten Barrikadenresten aus z.B. alten Reifen vorbei.
Abseits der Straße nach Mombasa wird´s aber gleich friedlich - in Tsimba und in Kwale scheint´s , als sei in Wirklichkeit gar nichts geschehen...
Die nächsten Tage sind noch etwas schwierig - es gibt kaum Lebensmittel zu kaufen, auch für die Einheimischen schnellen die Preise ruck zuck aufs bis zu Dreifache hoch; sogar die Touristenrestaurants in Diani schließen, weil die Küchen leer sind, das Personal wird entlassen(!).
  
Mein Arbeitsort für einige Tage: das Kwale Sub District Hospital
|
| |

Einfach, aber zweckmäßig und hygienisch nicht zu beanstanden - das Krankenhaus in Kwale

|
Etwas spät merken wir, dass es auch kein Benzin mehr gibt. Da habe ich schon ein paar Tage Arbeit im Krankenhaus hinter mir. Der Krankenhauslaborant, Matano und ich versuchen, als wenigstens ein Tag nicht mehr von Bränden etc. berichtet wurde, einen "Vorstoß" nach Mombasa - dort gibt’s Benzin, Blutkonserven, Laborzubehör, Geld zu holen.
Abstand haltend zu Polizei- und Armeefahrzeugen - deren Nähe leicht für Aggressionen gut ist - kommen wir auch wirklich bis Mombasa rein und besorgen Alles. Am großen Coastal General Hospital "bewundere" ich nebenher die intime Nähe mehrerer Sargtischler, die genau am KH-Eingang ihr Geschäft betreiben...
Das Krankenhaus in Kwale ist viel kleiner und einfacher - aber es wird dort, mit den geringen Mitteln, eine bewunderungswürdige Arbeit geleistet. (Den Chefarzt habe ich dabei nie gesehen, der war wg. der Unruhen "verhindert"). Die Ärzte und Schwestern dort übernehmen ja neben der stationären auch die ambulante mediz. Versorgung der Bevölkerung. es gibt eine Impfsprechstunde für Kinder, Familienplanungsunterricht für junge oder werdende Mütter, außerdem eine Spezialsprechstunde für die Volkskrankheit(!) AIDS und für Tuberkulose (und hier ist m.E. bemerkenswert, dass die Kosten für die gesamte AIDS-Diagnostik und Therapie von der US- Entwicklungshilfe und die für die Tbc-Therapie vom kleinen Dänemark übernommen werden).
So schäbig die Krankenhausgebäude aussahen und so wenig sie dem deutschen Schöner-Wohnen-Standard entsprachen, so war doch an den medizinischen Hygienestandards nichts auszusetzen (da habe ich z.B. in China ganz anderes erlebt) und für jeden einzelnen Patienten gab es eine durchaus ordentlich geführte Patientenakte, ein eigenes Bett, ein eigenes Moskitonetz.
Es war auch ein gewisser Stolz der Bevölkerung auf "ihr" Krankenhaus zu merken. Überhaupt war der Umgang mit den Patienten ein ausgesprochen angenehmer: man stutzte kurz, wenn man mich als Daktari wazungi (Ausländer-Doktor) erblickte, lächelte dann und ging - was ich als gewisse Höflichkeit empfand - zur Tagesordnung über, um die Beschwerden zu schildern.
Mit Mängeln musste man aber auch umzugehen lernen: es gab nicht mal ein EKG (geschweige denn Röntgen etc.); mangels Beatmungsschlauch verstarb uns ein Neugeborenes, außer an Blut fehlte es zwischendurch auch an Insulin und manch Anderem.
Englisch sprach in Kwale bis zu einem Drittel der Patienten, die meisten anderen Kiswahili, ein paar jedoch nur ihre Stammessprache. Aber irgendwie verständigte man sich; auch waren, wenigstens für mich, am Krankenhaus keine Animositäten zwischen den Menschen aus dem Süden und z.B. den Kikuyu angehörenden Ärzten und Schwestern zu spüren oder welche zwischen Moslems und Christen.
|
|
|
Mein Tag verging mit Stationsarbeit, Teilnahme an den Sprechstunden und Einblicken ins Labor - u.a. in das aus Hannover mitgebrachte Mikroskop, das Dr.Weimann, unser hiesiger Laborarzt großzügiger weise gestiftet hatte.
Nach so vielen Jahren mal wieder selbst durchs Okular zu schauen und dabei dann Malaria- Tuberkel-, Bilharziose, Hakenwurm- und sonstige Erreger zu sehen, war für mich sehr spannend.
Überhaupt ist die Behandlung von Malaria (massenhaft!!), Miliartuberkulose, Schlangenbissen, Pfeil(!)schussverletzungen, Machetenhiebverletzungen bis hin zu Entbindungen ja nicht das, was in einer deutschen Allgemeinarztpraxis so ganz gang und gäbe ist!
Beschwingt und noch ganz erfüllt von allem Erlebten und neu Gelernten fuhr ich dann nachmittags/abends runter ins Tsimba Childrens Home, wo ich meine Frau Kerstin und unsere sechsjährige Tochter Rhea einsammelte, die dort mit den Kindern gespielt und gesungen hatten. "Dank" der Unruhen fing die Schule für die Kids eh noch nicht wieder an, so dass alle diese Alltagsunterbrechung zu genießen schienen.
Nachdem Rhea all die tastenden Überprüfungen, ob ihre Haut wirklich so hell und ihre Haare wirklich so glatt sind, hinter sich gebracht hatte, waren trotz fehlender gemeinsamer Sprache keine Kontaktprobleme mehr vorhanden.
Nicht nur, dass in Tsimba offensichtlich gar nichts vom politischen Beben angekommen war, sondern auch der fröhliche, offene und (von zwei vorübergehenden Ausnahmen abgesehen) gute gesundheitliche Eindruck waren sehr erfreulich. Aber auch der friedliche Umgang der Älteren mit den Jüngeren, ihr Bewegungs- und Gesangstalent waren etwas richtig Schönes.
Einen Tag mieteten wir einen klapperigen Kleinbus und fuhren, alle Mann inkl. Gärtner, Matano, Hausmutter Faany und Köchin Mariam hinein gequetscht, in den Shimba Hills National Park. Enttäuschenderweise hatte die Lodge das in Aussicht gestellte Eis nicht zu bieten, aber als wir dann Waldelefanten zu Gesicht bekamen, waren die Kinder regelrecht ergriffen. Später bekamen wir auch Antilopen, Büffel und sogar einen Leoparden zu sehen.
Abends wurde der Riesenscheiterhaufen, den die Kinder zusammengetragen hatten, entzündet: der brannte aber so lichterloh und intensiv, dass an das geplante Grillen zunächst gar nicht zu denken war - vor Hitze konnte man sich dem Feuer gar nicht mehr nähern! Matano riss dann tapfer das Feuer auseinander und schob etwas Glut zusammen - endlich konnten wir die von Mariam vorbereiteten Hühnerteile rösten und verschmausen.
Einige Tage später hieß es, Kwa Heri zu sagen - ein extra für uns gebackener Kuchen und lauter kleine Briefe von jedem Einzelnen versüßten uns jedoch das Abschied nehmen.
Dr. Rolf-Ferdinand Gehre
|


Berührungsängste zwischen schwarz und
weiß waren schnell vorbei
 Ein zünftiges Feuer und schließlich ein Abschiedskuchen für uns

|
|
|