|
|
| |
| Kenya im November 2002 - ein Bericht von Angie |
| |
Entscheidung
Im April 2001 war ich das erste Mal im Urlaub in Kenia und habe mich spontan in den afrikanischen Kontinent verliebt, für mich "Mutter Erde". Der Kontrast zwischen wunderschöner Natur, noblen Hotelanlagen und unbeschreiblicher Armut hat einiges in meinem Leben verändert. Besonders die Begegnungen mit den Kindern ließen mich nicht los. Sechs Monate lang habe ich nach sinnvollen Hilfsmöglichkeiten gesucht. Der Zufall wollte ein Zusammentreffen mit meinen beiden Kollegen Christine und Jürgen und dem Verein "Don't just say it - do it!" Ich wusste: Das ist es!
Eine rein finanzielle Hilfe kam für mich nach den vielen Erzählungen von Christine, die zusammen mit ihrer Tochter Speedy schon so viel Handfestes vor Ort getan hat, aber nicht in Frage. Es stand fest: Das nächste Mal bin ich dabei. Ich will sehen und - ganz wichtig - fühlen, wie Hilfe direkt in Kenia möglich ist. |
|
| |

Reise mit großem Gepäck |
Abreise
Ich habe meinen Freund davon überzeugt, mitzufliegen, seit unserer Rückkehr aus Kenia ist er neues Mitglied unseres Vereins. Allein das Kofferpacken war etwas ganz besonderes. Wir erfuhren vor der Reise sehr viel Hilfsbereitschaft, so dass wir, außer einem eigenen "Notgepäck" von ca. 10 kg Kleidung und wenig Nützlichem, nur Hilfsgüter eingepackt haben. Die Condor hat uns 20 kg Freigepäck zur Verfügung gestellt. Mit Unmengen von Bonbons und zusätzlich 10 kg verpacktem Traubenzucker, der in Hannover aus einem Container (!) gerettet wurde, kamen wir endgültig auf 75 kg Gepäck. Was würde wohl beim Einchecken in Frankfurt passieren? Die Nervosität vor dieser Reise stieg stündlich.
|
|
| |
|
Am 3. November war es dann soweit: Der nette Michael holte uns zusammen mit Christine und Speedy direkt vor der Haustür ab und verfrachtete uns wegen des Hundewetters und einer überfüllten Autobahn auf Umwegen nach Frankfurt. Allein die Blicke der Mitreisenden auf dem Flughafen Frankfurt bilden reichlich Stoff für eine eigene Erzählung. Fragen wie: "Wandern Sie aus?" haben uns sehr amüsiert. Die Damen am Eincheck-Schalter wurden zunächst intensiv "abgerastert" - welche könnte die Freundlichste sein? Wir haben sie gefunden und wurden mit insgesamt ca. 220 kg Fracht und einem Kinderfahrrad eingecheckt. Saubere Leistung!
Ankunft in Kenia
Mombasa, 4.11., pünktlich 9.30 Uhr: Die heiße, feuchte Luft schlug uns entgegen und die kostbare Fracht kam unversehrt an. Der erste strenge Zollbeamte hatte uns spontan im Visier und winkte uns bestimmend in ein Nebengelass. Christine überzeugte mit allerlei Unterlagen zunächst davon, dass wir wirklich Hilfsgüter transportieren. Ein ständiges Hin und Her, diverse korrupte Hände wurden aufgehalten, dickbauchige Beamte klagten über ihre Armut - wir Vier - ganz besonders Christine - blieben standfest! Ein paar Kugelschreiber, T-Shirts und ein Taschenrechner haben schließlich den kenianischen Zoll überzeugt. Was für eine Begrüßung!
Erste Eindrücke
Bei unseren ersten Begegnungen mit Touristen wurden wir damit konfrontiert, dass Sextourismus in Kenia, trotz Aids, üblich ist. Ältere Damen und Herren leben mit ihren kenianischen jungen Frauen und Männern, zum Teil für längere Zeit, zusammen. Auf diese Weise finanzieren junge Kenianer ihre Familien. Von mir keine Moralpredigt, es sind schließlich keine Kinder. Aber trotz der sicher klaren "Geschäftsbeziehungen" dieser Menschen ist es gewöhnungsbedürftig und wir haben viel über "Angebot und Nachfrage" gesprochen. Unsere Gefühle wurden das erste Mal auf die Probe gestellt und die Devise für die nächste Zeit sollte lauten: Relativieren! Die ersten zwei Tage nutzten wir zur Akklimatisierung. Christine und Speedy allerdings trafen schon eine Menge Vorbereitungen: Kontakte wurden hergestellt, Termine abgesprochen, ein funktionierendes Handy vor Ort ist hierfür unerlässlich. |
| |
|

Neugierig erwarteten uns die Kids 
Luftballons erfreuen sich großer Beliebtheit |
Taxifahrt
Am 6.11. fuhren wir das erste Mal nach Kwale zu Pastor Omari in einem
Taxi, das wie durch ein Wunder noch fahrtüchtig war, mit einem netten und hilfsbereiten Fahrer. Zähe Preisverhandlungen gehen solchen Fahrten grundsätzlich voraus. Auf dem Weg machten wir weitere Erfahrungen mit korrupten Beamten. Drei Polizisten hielten uns auf freier Strecke an und unser Fahrer wurde zur Kasse gebeten. Bei dem Zustand des Wagens sicher nicht unberechtigt, wir erfuhren aber, dass die "Herren" mit ihren Maschinenpistolen im Anschlag auch jeden anderen Grund gefunden hätten, zu Geld zu kommen. Als jeder der drei nach zähen Verhandlungen hinter dem Busch finanziell zufriedengestellt war, konnte es weitergehen. Die nächste Hürde war genommen!
Pastor Omari
Wir kamen wohlbehalten im Vuga Day Care Center an. Zwei kleine, feste Gebäude, ein paar Hütten und ein sehr liebevoller Empfang durch Pastor Omari. Wir wurden herumgeführt und es überkam uns "Neulingen im Hilfseinsatz" das aller erste Mal der Kampf mit den Tränen! Die Kinder werden nach Altersgruppen aufgeteilt in verschiedenen Räumen betreut und unterrichtet. Die ganz typisch kindliche Neugierde, bei einigen auch ein verschämter Blick oder ein hoffnungsvolles Strahlen haben uns empfangen.
Eine bescheidene Küche (ein Eisentopf in einer Strohhütte) für über 100 Straßenkinder, die dort täglich zwei Mahlzeiten bekommen, eine Toilette (eine Rundhütte mit gebuddeltem Loch). Der uns stolz präsentierte Klinikraum mit einer Hand voll Medikamenten und einem Klinikstuhl, der in unseren Krankenhäusern allgemein als "Kackstuhl" bekannt ist. In diesem Moment haben wir verstanden, warum wir vor Ort Hilfe leisten wollen! |
| |
Nach eine rührenden Begrüßung mit selbstgebastelten Geschenken für Christine und Speedy wurde der gut gefüllte Kofferraum geöffnet. Die Kinder stellten sich in einer langen, nicht enden wollenden Reihe auf, um die "Kostbarkeiten" in Empfang zu nehmen. Jeder einzeln, bescheiden und ganz diszipliniert - Traubenzucker, Luftballons, Bälle... und immer wieder das unvergleichbare Strahlen in den Augen. Mit den Luftballons wurden Konzerte gegeben. Nie vorher habe ich bei Kindern so viel Freude erlebt.
Es blieben noch Bonbons übrig und mein Freund machte einen folgenschweren Fehler: Er griff noch einmal in die Tüte und sah sich plötzlich umringt von über 100 Kindern. Hände streckten sich ihm entgegen. Er wusste nicht mehr, in welche er schon etwas gegeben hatte. Der Schweiß lief ihm von der Stirn und die Tränen aus den Augen. Nachdem alles verteilt war, zog er sich verschämt zurück, um wieder zu sich zu finden. So schwer kann es sein, Freude zu bringen... |

Hände über Hände, aber keiner sollte leer ausgehen |
| |
|

Die erste Begegnung mit meinem
Patenkind Mwanasha |
Mwanasha - mein Patenkind
Am Nachmittag desselben Tages steuerten wir das nächste Ziel an: Msambweni,
40 km südlich von Diani Beach. Dort lebt mein achtjähriges Patenkind Mwanasha. Sie ist, wie viele Kinder in Kenia, Waise. Gudrun aus Süddeutschland leitet auf einem wunderschönen Grundstück am Meer das Nice View Childrens Village und betreut mit zusammen mit netten Einheimischen 10 Kinder, die in eine private Schule gehen können und gut versorgt sind.
Die erste Begegnung mit Mwanasha hat mich extrem berührt, weil sie einen Malaria-Anfall hatte, bereits den dritten in diesem Jahr, und wir sie in ihrem Bett unter einem Moskitonetz mit hohem Fieber vorfanden. Malaria ist in Kenia eine typische Erkrankung, bekam aber für uns eine besondere Dimension, da wir sie das erste Mal hautnah miterlebten.
Wir haben Mwanasha kleine, persönliche Geschenke mitgebracht und ein ganz leises Lächeln dafür erhalten - das war unser Geschenk! |
| |
Schulalltag in Kenia
Am nächsten Tag hatten wir unsere erste Aufgabe ohne Christine zu bewältigen. Mit einem nervösen Gefühl im Bauch nahmen wir Kontakt zur Primary School in Ukunda auf.: Nach dem Rechten sehen und uns bei Peter, dem "Headmaster", über das abgelaufene Jahr und benötigte Hilfen informieren. Ein großes Gelände, das ca. 1500 Kinder in 11 Klassenräumen beherbergt. Draußen fanden wir unter Bäumen zwei Schulklassen mit jüngeren Kindern sitzend vor, die unterrichtet wurden. Blankes Entsetzen bei uns, als wir das erste Mal mit Prügelstrafe konfrontiert wurden - Schläge mit dem Rohrstock in die Handinnenflächen von kleinen Kindern. In der heutigen Zeit unvorstellbar aber dort doch üblich. Peter zeigte uns sämtliche Räume und auf jedem der Lehrertische lag ein Rohrstock. Sobald wir die Räume betraten, die alle in einem desolaten Zustand sind, sprangen die Kinder wie gedrillt gleichzeitig auf und sprachen im Chor ein "Good morning Sir" oder, bei Peter's Rückfragen, ein "Yes Sir, thank you Sir" - wie beim Militär. Nur die Klasse der lernbehinderten Kinder kam ohne Rohrstock aus - für uns ein Hoffnungsschimmer!
Peter belegte uns in einem ausführlichen Gespräch das von unserem Verein gezahlte Schulgeld für 21 Schülerinnen und Schüler. Für umgerechnet 25 € im Monat wird einem Kind der Schulbesuch ermöglicht. Diese Kinder und Jugendlichen müssen dringend weiterhin unterstützt werden. Sie möchten alle auf weiterführende Schulen gehen, wer weiß, vielleicht sogar einmal studieren - auch Kenias Kinder haben eine Zukunft verdient - für sich und für ihr geschundenes Land! Wir haben uns mit drei der Jugendlichen allein unterhalten können. Nur ein Schicksal von vielen ist das von Winifred (14): Sie hat beide Eltern verloren und versorgt ihren jüngeren Bruder und sich ganz allein in einer Hütte. Verwandte hat sie nicht mehr, aber jetzt schon den starken Willen, später einen Beruf zu erlernen .
|

Klassenräume, hier immerhin schon mit
zementiertem Boden, die man den
eigenen Kindern nicht zumuten möchte

Auch in Kenia trägt man NDR - das Beste am Norden |
Verhandlungen
Der nächste Weg führte uns direkt zum Baustoffhändler, um Zement- und Sandpreise auszuhandeln, damit die Klassenräume neue Fußböden und Außentreppen erhalten können. Die Renovierungsberechnungen von Peter und uns klafften weit auseinander, darum gab es zunächst einmal "kleines" Geld für einen Klassenraum. Als wir uns nach drei Tagen von dem guten Ergebnis der Arbeiten überzeugen konnten, wurde der restliche Betrag übergeben. Bald müssen die Kinder nicht mehr im Dreck herumlaufen. Wenn wir uns im nächsten Jahr vom guten Gesamtergebnis überzeugt haben, kann für einen geringen Betrag das komplette, durchlöcherte Dach der Schule in Angriff genommen werden. |
| |

Vom Grundstückhat man einen traumhaften Ausblick auf die Küste
Sieben Zentner Mehl, Bohnen, Zucker und Reis |
Grundstückskauf
Zwei Tage später begann das Abenteuer Grundstückskauf in Kwale. Christine und Speedy haben aufgrund ihrer Erfahrungen viel Vorarbeit geleistet und Nervenkraft gelassen. Sage und schreibe fünf Stunden beim Grundstücks-"Amt" zu verbringen, ist eine Tortour: Lagepläne einsehen, sich von Rechtmäßigkeiten überzeugen, diskutieren, warten, lächeln, am liebsten losbrüllen... Ständig neue Steine, die uns, aus unerfindlichen Gründen, in den Weg gelegt wurden.
Dann war es (fast) soweit: Der Title Deed , die Besitzurkunde, wurde uns ausgehändigt und das Grundstück für Omari und die Kinder gehört unserem Verein - allerdings doch noch nicht ganz... Denn der ein oder andere Stempel braucht den ein oder anderen Kenia-Schilling und er braucht den ein oder anderen Tag, um aufgedrückt zu werden... Nun gut - in Kenia nach insgesamt nur einer Woche ein Grundstück erworben zu haben, grenzt an ein Wunder! Es ist auch ein wunderbares Grundstück, groß, fruchtbar und mit einem zauberhaften Ausblick in die Shimba Hills. Jetzt kann es urbar gemacht und bebaut werden.
Großeinkauf
Einen Teil der Grundstücks-Verhandlungszeiten nutzten mein Freund und ich sinnvoll für den Großeinkauf von Lebensmitteln. Fast sieben Zentner Ugali- und Chapati-Mehl, Bohnen, Zucker (purer Luxus), Reis, Zwiebeln und etliches mehr - und alles für zusammen ca. 150 € . Nahrung für über 100 Kinder im Vuga Day Care Center, die davon zwei Monate lang satt werden. Ein Minimum, das ich nicht kommentieren muss! Der Wagen war randvoll geladen, dass wir den Weg zurück zum Amt zu Fuß gehen mussten. |
| |
Diani Children's Village
Für mich ein mustergültiges Kinderdorf ist das Diani Childrens Village, das wir am nächsten Tag aufsuchten. Yvonne leitet das Projekt, lebt in Diani und verfügt über viele gute Kontakte. Es wurde eine autonome Zone aufgebaut. Die Kinder mit zum Teil grausamen Schicksalen leben zusammen mit ihren Betreuerinnen und Betreuern in festen Gebäuden. Es gibt eine Tischlerwerkstatt, einen Computerraum, in dem unterrichtet wird und bald auch eine Nähstube. Das Essen wird gemeinsam eingenommen. Die Mahlzeiten werden in einer richtigen Küche vorbereitet und sogar eine Badewanne ist vorhanden. Die Kinder nahmen uns spontan und unbefangen an die Hand und zeigten fröhlich und stolz die Ergebnisse ihrer eigenen Ernte: Gemüse und Früchte, liebevoll in einem Garten angelegt. Hühner und Ziegen laufen auf dem Grundstück herum. Bescheidene Wünsche, z.B. Stoffreste für die Nähstube und Anleitungen zum Werken, haben wir mit auf den Weg bekommen. Es waren einmal traurige und verlassene Kinder, die unter Bäumen gefunden oder mit Messern gequält wurden und nach relativ kurzer Zeit wieder lachen können.
|

Unter Anleitung werkeln lernen- das macht nicht nur Spaß, sondern bringt auch was fürs Leben |
| |
Wir wünschen uns, dass wir mit unserem Einsatz in Deutschland und vor Ort auch für Pastor Omari und seine Straßenkinder ähnliches mit aufbauen können. Solange die Kraft und der Mut es zulassen, werden mein Freund und ich uns dafür einsetzen.
Landvermessung
Am 13.11. konnte endlich das Grundstück vermessen und abgesteckt werden, auch in Kenia gibt es schließlich eine Grundbuchordnung. Der nette Landverkäufer ging mit einer Machete vor, damit wir überhaupt durch die wilde Romantik laufen konnten. Ein Landvermesser, der uns durch ständiges Schweißwischen von seiner angeblich schweren Erkrankung überzeugen wollte, "schleppte" sich hinter uns her. Wir wurden das Gefühl nicht los, dass für seine korrupten Geldforderungen keine Lüge dreist genug ist, denn im Anschluss an seine Vermessungen forderte er sage und schreibe 50 € für das Setzen von vier Zementblöcken als Grundstücksmarkierung. Wir verweigerten mit vereinten Kräften die Zahlung dieses hohen Betrages. Durch die extreme Hitze und Luftfeuchtigkeit war uns inzwischen spei-übel und wir mussten uns übergeben. Christine und Speedy verbrachten mittlerweile zwei weitere Stunden im Grundstücksamt, um dort endlich den aller-aller-letzten Stempel zu erhalten. Bevor es zurück in Richtung Diani ging, gab es noch eine fröhliche Seifenblasen-Verfolgungsjagd mit den Kindern, die vor Freude quietschten. |
| |

Vorsichtshalber schauten wir uns die Klinik auch von innen an - zwecks Malaria-Test |
Klinik
In Ukunda ließen wir vorsichtshalber einen Malaria-Test durchführen. Mit Übelkeit ist nicht zu scherzen. Bei dieser Gelegenheit kam Christine gleich auf die passende Idee, den Chefarzt der Klinik, die eher einer Waschküche ähnelte, persönlich kennen zu lernen. Unser Verein liefert Medikamente in fachkundige Hände und die Ärzte untersuchen dafür Omari's Kinder. Wieder ein Erfolg!
|
| |
An dieser Stelle beende ich meine Schilderung unserer ersten, besonderen Reise. Ich werde auch weiterhin meinen Teil dazu beitragen, dass es den Kindern in Kenia besser geht. Im Frühjahr 2003 fliegen wir wieder zurück auf einen Kontinent, der uns ergriffen hat. Ein Kontinent mit unbeschreiblich schöner Natur und Kindern, die ihm eine bessere Zukunft ermöglichen können.
Angie, im Dezember 2002
|
|
|
|